Gedichtsammlung Aus dem Tschechischen übersetzt

Magdaléna Vernerová

Gründe
zu leben

Originaltitel Důvody žití

Elf Gedichte über Liebe, Einsamkeit, Natur, Dunkelheit und Worte, die unsere persönlichsten Wahrheiten bewahren.

Dies ist eine gereimte deutsche Übersetzung meiner tschechischen Originalsammlung. Bedeutung, Bildsprache, Strophenbau und Atmosphäre der Gedichte bleiben bewahrt.

01

Vergebliche Liebe

Dein schönes Haar, so weich, so fein,
lässt deine ganze Schönheit sein.
Ich weiß, dein Herz gehört der andern,
drum muss das meine traurig wandern.

Du einzige Liebe, helles Licht,
die letzte Stunde naht mir dicht.
Der Tod rückt näher, Schritt für Schritt;
ich schlage ein Kreuz und nehme Abschied mit.

Bald liege ich tief unter der Erd,
ein leiser Frost durch Mark und Bein mir fährt.

02

Herz

Ein Herz zeichne ich aus Erinnerung,
und denke an dich, voll Hoffnung und Schwung.
Das Herz, das einst an diesem Orte war,
drückte sich in den Himmel, hell und klar.

Das Herz, das nun den Himmel schmückt,
ist unsrer Liebe Werk, von Glück entrückt …
Ich zeichne es aus Erinnerung;
hoffentlich bleibt mehr als bloße Ahnung …

03

Schmerz

Mein Herz ist wund von Leid und Schmerz,
die Trauer brennt tief in mein Herz.
In meiner Brust erträgt es Pein;
hoffentlich hält es den Schmerz noch aus allein …

Die Freunde wollen leben, blühen,
ich will im Grab nur still verglühen …
Mein Leben ohne dich ist bittre Not;
kein Glück, nur Bitterkeit bis in den Tod …

04

Romeo und Julia

Dein Blick ist mir so wohlbekannt,
doch heilt er nicht, was in mir brannt …
Ich fürchte, dein Leben gehört meiner Freundin,
und meines geht bald seinem Ende hin.
Doch an der Haltestelle warte ich sacht,
dass das Schicksal uns zusammenbringt über Nacht …

Deine Freunde werden nie verstehen,
was tief in meinem Herzen wird geschehen …
In meinen Versen sag ich dir:
Du bist mein Romeo, gehörst zu mir.

Ich, arme Julia, allein,
finde nirgends ein Zuhause mein …
Mein Herz kennt nur den einen Ort:
deine Arme — mein Zuhause dort …

05

Nacht im Wald

Ich ging hinaus, spazieren im Wald,
am Boden lagen Kiesel kalt.
Jeder kleine Stein glänzt sacht,
wie Haarsträhnen in der Nacht.

Geh nachts nicht in den Wald hinein,
ruf ich zum Himmel ganz allein.
Ein schwarzer Schatten folgt mir dicht;
vertreiben lässt er sich wohl nicht …

Über mir scheint weiß der Mond,
wie eine Fee, die tanzend thront.

06

Wasser

Schönes Wasser, klar und blau,
schöner als Vergissmeinnicht im Tau.
Es rauscht und murmelt durch das Tal,
kühlt und brennt uns allemal …

Ohne Wasser kann nichts leben,
ohne es kann es uns nicht geben …
Wer es sieht, der sehnt sich hin;
wer es sieht, will nie mehr fort von ihm …

Schönes Wasser, klar und blau …

07

Rose

Schöne Rose, rot und fein,
wessen magst du heute sein?
Reglos liegst du, still und sacht,
als wärst du eingeschlafen über Nacht …

Wer hat dich hierhergelegt?
Wer hat dich so still abgelegt?
Schöne Rose, du weißt Bescheid,
doch schweigst du still in deinem Kleid.

Du sagst uns nichts, bleibst still dabei;
doch deine Schönheit ist grenzenfrei …

08

Schmetterling

Wer liebt wohl einen Schmetterling?
Gleich fliegt davon das leichte Ding …
Der Schmetterling war jederzeit
des Träumers wildes Traumgeleit …

Doch was geschieht dort heute bloß?
Aus Leben wird der Tod erbarmungslos.
Tief aus dem weißen Schnee heraus
blicken Schlangenaugen, kalt und graus.

Nun ist der Schmetterling dahin;
mit ihm vergeht der Welt ihr Traumsinn …

09

Tod

Ich liege hier in meinem Bett,
Engel stehen um mich im Gebet.
Sie blicken aus der Höhe nieder;
schwere Stille lähmt die Glieder …

Ich liege hier so ganz allein,
über mir schwere Erd und Stein …

Meine schönen braunen Augen
drehen sich, als wollten sie noch schauen …
Sie warten auf den Prinzen hier,
der auf der Decke steht bei mir.

Er steht darauf und fürchtet nichts,
kennt nicht die Zukunft seines Lichts …
Nur ich weiß es, ganz allein;
schrecklich dunkel wird es sein …

10

Wiegenlied

Der Tag trägt wieder schwarzes Kleid;
zum Schlafen ist es nun so weit …
Die weiche Decke aus dem Tau
fällt auf Moos, Farn und Ähren genau …

Alle Tiere aus dem Wald,
alle vom Feld schlafen bald,
pflegen, was sie schmerzt und heilt nicht halt …

Auch Menschen, von des Tages Glut bezwungen,
legen sich nieder, müd und wund gerungen.
Und du, mein Kind, schlaf nun ganz sacht;
ein Traum findet dich in dieser Nacht …

11

Gedichte

Wenn der Tag sein müdes Antlitz verhüllt
und die Nacht ganz leise den Himmel erfüllt,
nehme ich das Tintenfass zur Hand
und schreibe Geheimnisse, niemandem bekannt.

Von Wahrheiten, die niemand kennt,
von „Gerüchten“, die man Träume nennt.
Von Worten, die den Kummer verbrennen,
von Dingen, an denen wir vorüberrennen …

Von Liebe, die im Leid verbrannt,
von Liebe, glücklich und erkannt …
Von meinen Liebsten, nah bei mir,
erzähle ich in Versen hier …